Wer seinen MG4 geleast hat, braucht sich um den SoH des HV-Akkus normalerweise keine Gedanken machen.
Doch das kann anders aussehen, wenn man den MG4 z.B. gekauft hat oder wie ich daran denkt, ihn zum Leasing-Ende (im Herbst 2027) zu kaufen.
Selbst wenn dann endlich ein Aviloo-Premiumtest für den MG4 verfügbar sein sollte, will ich eine SoH-Erstdiagnose nicht erst ca. 3 1/2 Jahre nach EZ bekommen, sondern schon zur Früherkennung künftiger Tendenzen eine Reihe gemessener(!) SoH-Werte über die Leasingdauer kennen. Denn dem auslesbaren SoH incl. Reichweitentest traue ich nicht mehr über den Weg.
Daher suchte ich nach Möglichkeiten, den SoH unkompliziert anhand eigener Meßwerte zu überwachen, etwa den aufgezeichneten Daten meiner bisher 3 Kalibrierungsladungen von 2% bis 100% SoC. Und inzwischen glaube ich, daß das tatsächlich möglich ist.
Da evtl. auch der ein oder andere von Euch am realen SoH seines 64kWh-NMC-Akkus interessiert sein könnte, beschreibe ich hier meine Methode. Wer sie ohne weitere Erklärungen anwenden will, kann sich den Anhang runterladen und im Teil 2 ab „Wie wird das Excelsheet bei der eigenen SoH-Berechnung benutzt?“ weiterlesen.
Wie funktioniert die Berechnung?
Wenn man in einer Kalibrierungsladungs-Aufzeichnung für jeden Datenpunkt mit Uhrzeit, Spannung und Strom die noch fehlende Energie bis zum Lade-Ende berechnet und durch die Spannungsdifferenz zwischen dem Datenpunkt und dem Lade-Ende (440V) teilt, ergibt das hübsche Kurven mit markanten Maxima im Spannungsbereich um 370V:
Kapazitaetskurven_KaliLadungen_Ulf_SoC.jpg
Die Berechnung liest sich kompliziert, ist aber per Tabellenkalkulation problemlos machbar.
Beispiel für das Maximum der obersten Kurve:
a) Spannung =368,5V
b) Geladene Energie bis dahin = 5,86kWh
c) Spannung beim Ende der Ladung = 440V
d) Geladene Gesamt-Energie = 61,14kW
ergibt als Kurvenwert im Maximum = (d – b) / (c – a) = 0,773 kWh / Volt.
Die Kurven-Maxima sind also Kennzahlen für die Gesamt-Energiespeicherung im SoC-Bereich von ca. 9% – 100%.
Die Berechnungen der Kurven vom Mai 2024 und Oktober 2025 findet Ihr im Anhang auf den Blättern Beispiel_SoH_Mai24 und Beispiel_SoH_Okt25.
Einfachere SoH-Bestimmung mit SoC-Daten?
In der Grafik zeigt die orange Kurve meiner Kalibrierungsladung mit dejustiertem BMS exemplarisch, welche irrwitzigen Ergebnisse SoH-Berechnungsversuche anhand von SoC-Daten liefern können:
Als mein XP 26 Monate plus 9353 km alt war, hatte ich ihn mit 62,1 kWh von 2% bis 100% SoC aufgeladen - d.h. mehr als die offizielle Neu-Nettokapazität von 61,7 kWh!
17 Tage und 280 km später waren es im praktisch gleichen SoC-Bereich nur noch 57,9 kWh = 6,8% weniger.
Interpretiert man diesen scheinbaren Kapazitätsverlust als Degradationsrate und extrapoliert sie auf 100%, dann würde der SoH innerhalb von 250 Tagen und ca. 4.180km von 100% auf 0% fallen: das ist völlig absurd. Dabei zeigte der XP im Alltag keinerlei Auffälligkeiten, die auf ein dejustiertes BMS hindeuteten.
Doch die Grafik zeigt auch, daß sogar bei der Chaos-Kalibrierungsladung vom September 2025 das kWh/V – Maximum nur 0,13% unter dem Wert der anschließenden Oktober-Kalibrierungsladung lag. Daher wäre auch die orange Kurve zur Überwachnung des SoH-Verlaufs über die Haltedauer des XP geeignet – eben weil die kWh/Volt-Berechnungen keine SoC-Daten verwenden.
Also: Zurück zu den kWh/Volt – Daten
Meine Methode nutzt die gleiche Datengrundlage wie Aviloo: BMS-Daten zwischen 10 und 100% SoC…
… allerdings rückwärts, weil ich den Akku nicht leerfahre, sondern lade. So macht es z.B. auch VAG für ihre Batteriezertifikate:
Wenn also Aviloo und VAG den SoH aus BMS-Daten zwischen ca. 10 und 100% SoC berechnen, dann sind wahrscheinlich auch meine Kurvenmaxima ein proportionales Maß für den SoH, und das Absinken des Maximums zwischen Mai 2024 und Oktober 2025 von 0,773 auf 0,754 kWh/V bedeutet einen Kapazitäts- bzw. SoH-Verlust von ca. 2,5%.
Daraus lassen sich allerdings keine absoluten SoH-Werte ableiten, sondern die 2,5% Verlust könnten z.B. 100 -> 97,5% SoH bedeuten, oder 96,3 -> 93,8% SoH, oder oder oder.
Anhand aller mir bisher zugänglichen Daten (einschl. 2 Kalibrierungsladungen von Romeo) vermute ich, daß die 0,773 kWh/V meines Akkus im Mai 2024 einem SoH von 98,9% entsprechen.
Dann hätte ein neuwertiger Akku mit 100% SoH einen kWh/V-Wert von 0,773 / 0,989 = 0,782 kWh/V.
Diese 0,782 kWh/V x 71,5V ergeben 55,91 kWh gespeicherte Energie bei ca. 91% SoC-Hub.
Linear extrapoliert, würde der neuwertige Akku bei einer 0-100%-Ladung 55,91 kWh / 0,91 = 61,4 kWh aufnehmen. Das paßt fast perfekt zur offiziellen Nettokapazität von 61,7kWh und zeigt, daß mein SoH-Berechnungsansatz eher richtig als grob falsch sein dürfte.
Der Innenwiderstand (Ri) des Akkus …
… ist stark temperaturabhängig und kann bei einer 11kW-Ladung eines neuwertigen Akkus von 0 bis100% SoC bei 0°C Zelltemperatur ca. 0,43 kWh nutzlos verheizen. Denn die 0,43 kWh müssen zusätzlich geladen werden, um auf 100% SoC zu kommen.
0,43 kWh entsprechen 0,7% der 61,7kWh-Nettokapazität und würden das SoH-Ergebnis schon bei einem neuwertigen Akku um ca. 0,7% nach oben verfälschen, wenn Ri nicht beachtet wird.
Im Laufe der Degradation erhöht sich der Ri, und SoH-Berechnungen ohne ihn werden daher noch falscher als bei 100% SoH.
Ich ermittle den Ri per Stromsprung-Aufzeichnung an einer AC-Wallbox, näheres findet Ihr im Blatt Beispiel_Ri des Anhanges.